v. l. n. r.: Sabine Schaschl (Direktorin und leitende Kuratorin Museum Haus Konstruktiv), Pius Tschumi (Direktor Mühlerama), Salome Hohl (Direktorin Cabaret Voltaire) und Daniel Baumann (Direktor Kunsthalle Zürich)

Zum ersten Foyergespräch haben wir uns bei Daniel Baumann (Direktor) in der Kunsthalle Zürich mit Sabine Schaschl (Direktorin und leitende Kuratorin Museum Haus Konstruktiv), Salome Hohl (Direktorin Cabaret Voltaire) und Pius Tschumi (Direktor Mühlerama) getroffen. Wir wollten von ihnen erfahren, wer die Museumsbesucher*innen sind und wie sie die Herangehensweise an Ausstellungen beeinflussen.

In der heutigen Zeit gibt es kaum noch ein klassisches Museums- oder Ausstellungspublikum. Auch treue Besucher*innen sind längst nicht mehr überall anzutreffen. Das Publikum ist schwer zu fassen und oft ist unklar, für wen eine Ausstellung eigentlich gemacht wird. Ausserdem gibt es ein gesteigertes Angebot sowohl offline als auch online. Wie reagieren Museen, Direktor*innen und Aussteller*innen darauf? 

Sabine Schaschl: Ich glaube, das Publikum vom Museum Haus Konstruktiv zu kennen. Durch die direkte Lage unserer Büros bei den Ausstellungsräumen und den regelmässigen Austausch mit den ehrenamtlichen Aufsichten, haben wir ein gutes Verständnis für unsere Besucher*innen entwickelt. Wir wissen, was ihnen zusagt und was nicht. Wir haben ein breites Publikum, darunter Interessierte an konstruktiver, konkreter, konzeptueller Kunst und an unserem Programm. 

Daniel Baumann: Ich denke, es geht um das Verschwinden des traditionellen Bürgertums und den Versuch, dieses dennoch zu bedienen. In einem Gespräch mit Laura Hoptmann in New York stellte sie fest, dass 90 % der Ausstellungen für die weisse Mittelklasse sind, obwohl diese nur noch 30 % der Stadtbevölkerung ausmacht. Dies führt zu einer Publikumsfokussierung, die für viele unverständlich ist. Daher kommt die Frage, was die jeweiligen Erfahrungen mit diesen Umständen sind.

Pius Tschumi: Letztlich hängt es davon ab, wen wir ansprechen wollen. Im Mühlerama kommen Besucher*innen jeden Alters, von Neugeborenen bis Nobelpreisträger. Das klingt vielleicht überraschend, aber wir sehen es als schöne Mischung. Eine Zielgruppe lässt sich bei uns kaum definieren. Früher waren unsere Hauptbesucher in der Regel Fans der Industriegeschichte im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Inzwischen haben wir versucht, unser Publikum zu erweitern.

Salome Hohl: Nach den gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er-Jahre begann eine Welle der Demokratisierung und Pluralisierung. Die Teilhabe am Museum wurde politisiert, was dazu führte, dass Museen (zum Glück) für eine grössere Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden mussten. Ich kann das Publikum keinem bestimmten Milieu zuordnen, kann aber einschätzen, wer an welche Veranstaltungen oder Ausstellungen kommt. Die Zielgruppe variiert je nach Inhalt oder Format. Bei den Ausstellungen ist das Publikum etwas diverser als bei den einzelnen Veranstaltungen. Eine wichtige Herausforderung ist gerade bei Ausstellungen, wie Inhalte ohne Komplexitätsreduzierung für ein möglichst breites Publikum zugänglich gemacht werden können. Da die Räume des Cabaret Voltaire klein sind, versuchen wir dies vor allem in der direkten Begegnung. Das ermöglicht sowohl Niederschwelligkeit als auch eine fachgerechte Behandlung.

«Es gibt Werke, die sofort faszinieren und das Publikum direkt einfangen. Dies ist ein wunderbares Entrée für die Ausstellung und ermöglicht den Einstieg in kompliziertere Werke.»
– Sabine Schaschl

Daniel Baumann: Ich nehme eine Gegenposition zu Sabine ein: Ich kenne mein Publikum überhaupt nicht. Bei einigen unserer Ausstellungen sind bis zu 80 % der Besucher*innen zum ersten Mal in der Kunsthalle. Das gilt beispielsweise für «DYOR», «100 Ways of Thinking» in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich oder «The Playground Project», die Ausstellung über Spielplätze. Das zeigt, dass es Menschen gibt, die daran interessiert sind, was wir hier tun. Wir konzentrieren uns vielleicht zu oft auf unsere Bubble. Es gibt Tausende in dieser Stadt, die sich für unsere Arbeit interessieren könnten, aber wir erreichen sie nicht.

Salome Hohl: Eine entscheidende Frage ist, ob das Publikum vorhersehbar ist oder nicht und wer die Veranstaltung mitkommuniziert. Wenn wir zum Beispiel mit der Universität zusammenarbeiten, erreichen wir vor allem Studierende. Bei zeitgenössischer Kunst holen wir vor allem Kunstliebhaber*innen ab. Interessant wird es bei hybrideren Veranstaltungen. Beispielsweise zirkulierte «SCACCHI NOISE. The Ultimate NOISE CHESS Challenge» nicht nur beim Kunst- und Musikpublikum, sondern auch bei Schachclubs.

«Ich suche nach Wegen, um Menschen aufgrund dessen, was mich selbst
interessiert, anzusprechen.»
 – Pius Tschumi

Sabine Schaschl: Wir haben über die Jahre verschiedene Vermittlungsformate entwickelt und immer wieder Experimente durchgeführt. So kreieren wir neues Publikum. Ob diese Bemühungen eine nachhaltige Neugewinnung des eigentlichen Publikums darstellen, kann ich jedoch nicht mit Sicherheit sagen.

Pius Tschumi: Je nach Ausstellungen oder Veranstaltungen bedienst du eine Bubble, dann bedienst du eine andere. Ich bezweifle aber, dass sich daraus ein konsistentes und treues Publikum bildet. Die Erweiterung der Bubble an sich ist interessant.

Daniel Baumann: ... und ist eine Herausforderung. Ist es wahrscheinlich, dass diejenigen, die durch die erweiterte Bubble erreicht werden, wiederkommen, wenn man etwas anderes macht? Erfahrungsgemäss ist das eher unwahrscheinlich. Das gilt auch für mich selbst als Besucher anderer Museen. Was ich daraus gelernt habe: Das Publikum ist grösser, als man denkt.

Pius Tschumi: ... oder amorpher.

Angesichts der veränderten Zusammensetzung des Publikums stellt sich die Frage, wie sich dies im Ausstellungsprozess auswirkt und ob der Fokus primär auf den jeweiligen Peer Groups liegt? 

Sabine Schaschl: Als thematisches Museum sind wir von unseren Schwerpunkten geleitet. Wenn ich das Werk eines Künstlers oder einer Künstlerin betrachte, erkenne ich, was vom breiten Publikum leicht angenommen wird. Es gibt Werke, die sofort faszinieren und das Publikum direkt einfangen. Dies ist ein wunderbares Entrée für die Ausstellung und ermöglicht den Einstieg in kompliziertere Werke. Meine programmatischen Überlegungen und meine Erfahrung als Kunsthistorikerin helfen mir, gezielt Schwerpunkte zu setzen und das Publikum anzusprechen. Innerhalb des Werkes nehme ich besondere Rücksicht auf Künstlerinnen.

«Ich mache Ausstellungen, damit Kunst diskutiert wird – ohne endlose
Metaebenen
und Referenzspiele.»
– Daniel Baumann

Salome Hohl: Unsere kuratorische Praxis versucht, Auseinandersetzungen zu initiieren und gesellschaftliche Themen gemeinsam mit Personen aus den Künsten oder der Theorie zu bearbeiten und mit dem Publikum zu teilen. Im Vordergrund steht im ersten Schritt, einer Frage nachzugehen, die schlussendlich immer auch diverse weitere Gruppen interessiert. Ich glaube daran, dass eine inhaltliche oder formale Dringlichkeit am Anfang stehen muss, welche auch das Display oder die Choreografie mitprägt. Die Vermittlung und Kommunikationsstrategie folgt aus der künstlerischen Absicht.

Daniel Baumann: Beim Carnegie Museum in Pittsburgh hatte ich ein Schlüsselerlebnis, als die Heinz-Stiftung (The Heinz Endowments) bei einer Sitzung mit der Direktorin bemerkte, dass sie den Eindruck hätten, die zeitgenössische Kunst werde immer mehr zur Spielwiese der Reichen. Das hatte ich nie so wahrgenommen – und ist bis heute ein Problem der Museen: Wir verstehen uns als Ort der Emanzipation, der Freiheit, der radikalen Ideen. Aber die Aussensicht ist offenbar eine andere, nämlich dass wir das Establishment sind und nur eine exklusive Gesellschaftsschicht bedienen. Um Kunst für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich zu machen, habe ich deshalb mein Programm erweitert und Ausstellungen gemacht, die auch für Kunstinteressierte ausserhalb der Kerngruppe zugänglich sind. Ich mache Ausstellungen, damit Kunst diskutiert wird – ohne endlose Metaebenen und Referenzspiele. Für mich sind Besucher*innen, die nicht zur Bubble gehören, oft interessanter, weil sie die unerwarteteren Fragen stellen.

«Ich glaube daran, dass eine inhaltliche oder formale Dringlichkeit am Anfang stehen muss, welche auch das Display oder die Choreografie der Veranstaltung mitprägen.»
– Salome Hohl

Pius Tschumi: Also ist eure persönliche Überzeugung und Leidenschaft wichtiger als das Bedienen einer bestimmten Zielgruppe? Das ist auch meine Herangehensweise. Ich suche nach Wegen, um Menschen aufgrund dessen, was mich selbst interessiert, anzusprechen.

Salome Hohl: Wir sind Teil einer Zeitgenossenschaft, die versucht, die Welt zu verstehen, sie mitzuprägen und sich in ihr mitzuteilen. Es geht nicht nur um eine persönliche Überzeugung, sondern um Diskurse und Gespräche, die bewegen – in der Zusammenarbeit mit Künstler*innen oder in Bezug auf das Weltgeschehen.

Daniel Baumann: Ich bin nicht sicher, ob wir nicht falsch denken. Vielleicht denken wir in der Museumswelt manchmal zu sehr an Zielgruppen und vergessen dabei, dass am Ende des Tages jeder einzelne Besucher und jede Besucherin zählt. Neben unserer Leidenschaft und Überzeugung ist es wichtig, wie wir mit unserem Publikum umgehen. Wir sollten uns nicht so sehr von grossen gesellschaftspolitischen Themen und Strukturen überwältigen lassen, dass wir die Bedeutung kleiner Gesten übersehen, wie zu signalisieren: Du bist hier willkommen, alles ist offen.

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