Oceano de Amor (HD, 95 min, 2019) by Alexa Karolinski and Ingo Niermann. Courtesy of the artists
Thea Reifler, Künstlerische Co-Leitung Shedhalle / Bild-Credit: Rasmus Bell
Michael Birchall , Kurator des Migros Museum für Gegenwartskunst

Der Juni ist auch der Pride Month und mit ihm stehen die Belange der LGBTQIA+-Community ganz besonders im Vordergrund – auch in den Museen. LGBTQIA+ hörbar und sichtbar machen, darum geht es. Michelangelo Miccolis und Thea Reifler (Shedhalle), Marcel Tappeiner (FCZ-Museum) und Michael Birchall (Migros Museum für Gegenwartskunst) betrachten die Museumslandschaft mit einem queeren Blick und geben eine nicht-heteronormative Sichtweise auf die Museen.


Michelangelo Miccolis, Sie sind Mitglied des kuratorischen Boards der Shedhalle sowie der «Army of Love» und aktuell verantwortlich für die Protozone «You’re So Busy». Wie erleben Sie LGBTQIA+ in den Museen?
Meine persönliche Erfahrung als queere Person variiert stark je nach den Kontexten, in denen ich mich befinde. Über einen längeren Zeitraum in ein und derselben Institution zu arbeiten, ist etwas, an das ich mich noch immer nicht gewöhnt habe. Als freischaffender Performance-Praktiker konnte ich meine Arbeit durch meine eigene Mobilität aufrechterhalten, wobei mein Körper zwangsläufig zu meiner Hauptwährung wurde. Ich sage das, weil ich unzählige Stunden in Museen auf der ganzen Welt verbracht habe, entweder als Performer oder als Produzent von Live-Arbeiten. Was ich aus persönlicher Erfahrung sagen kann: Bei der Produktion von Live-Events oder der Aufrechterhaltung von Live-Arbeiten über lange Zeiträume hinweg sehe ich kontinuierliche Versuche vonseiten der Institutionen, das Publikum anders anzusprechen und für Inklusivität einzutreten. Diese Versuche variieren sehr stark in den Absichten und Ergebnissen. Echte Gefühle der Gemeinschaftsbildung, wie temporär sie auch sein mögen, erlebe ich in der Regel bei Festivalprogrammen oder Symposien in nicht institutionalisierten Räumen, wo es in der Regel um Formate geht, die das Publikum mit einem eher horizontalen Ansatz einbinden. Ich finde, dass es noch ein langer Weg ist und viel zu tun gibt, wenn man der LGBTQIA+-Community speziell Raum geben will. 

Was vermissen Sie in der Museumslandschaft?
Was ich im Museumskontext vermisse, ist ein Mangel an Bewusstsein für die menschliche Arbeit, die bei der Produktion öffentlicher Programme ins Spiel kommt. Der Wert, der dem Kunstobjekt zugeschrieben wird, schmälert oft die Arbeit der eingeladenen lebenden Praktiker*innen, deren blosse Anwesenheit meiner Meinung nach besser anerkannt und gepflegt werden muss.

Worauf möchten Sie gerne aufmerksam machen und wie?
Ich stehe sehr zu den Intentionen unseres neuesten Programms in der Shedhalle, wo ein zeitbasierter Ansatz voll zum Tragen kommt, um ein wiederkehrendes Publikum zu generieren. Protozone «You're So Busy» ist eine siebenwöchige Serie (bis 25.07.). Es ist sowohl eine Ausstellung mit prozessbasierten Projekten internationale*r Künstler*innen, die über den Sommer hinweg jedes Wochenende im Raum arbeiten, als auch ein auf Workshops basierendes öffentliches Programm, das über den Bereich der Institutionen hinaus in unser tägliches Leben geht.

Gemeinsam mit Ingo Niermann und Allessandro Schiattarella ist am 26. und 27. Juni die «Army of Love» mit bei Ihnen zu Gast in der Shedhalle. Was dürfen die BesucherInnen erwarten?
Die «Army of Love» ist eine Solidaritätsgruppe, die sich die Umverteilung von sinnlicher Liebe an alle, die sie brauchen, zur Aufgabe gemacht hat. Die «Army of Love» kämpft für Solidarität und bietet Trainings, Rekrutierungen, Diskussionen, Handbücher und Testimonial-Videos an. Seit der Gründung im Jahr 2016 hat die «Army of Love» Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, ethnischer Zugehörigkeit und Aussehens in ganz Europa rekrutiert und ausgebildet. An diesem Wochenende wird der Choreograf Allessandro Schiattarella zu uns stossen. Der Fokus liegt auf den Vorschlägen, Fragen und Kritiken der Teilnehmenden. 


Thea Reifler, gemeinsam mit Philipp Bergmann leiten Sie die Shedhalle. Der Support und die Sichtbarkeit queerer Künstler*innen ist euch in der Shedhalle sehr wichtig. Wie zeigt sich das und wo liegen die Schwerpunkte?
Ja, das liegt mir auch persönlich besonders am Herzen. Ich sehe Queerness als etwas, das über sexuelle Orientierung hinausgeht und ein Aufruf für weniger Generalisierungen, weniger Diskriminierungen und mehr Vielfalt in allen Bereichen sein kann. Queers «queeren» die Wahrnehmung dessen, was als «normal» gilt und machen so Platz für mehr Möglichkeiten – und ich finde, unsere Gesellschaft braucht angesichts ihrer vielen Krisen gerade jetzt sehr dringend mehr Möglichkeiten, um ausserhalb althergebrachter Formen von Produktivität, Familie und Kapital zu denken. 
Besonders wichtig ist mir also, die Vielfalt und Komplexität von Identitäten, Lebensmodellen und Ausdrucksweisen sichtbar zu machen und ein intersektionaler Ansatz. Deshalb möchte ich Perspektiven unterstützen, die für ihr Anrecht kämpfen, Teil der Gesellschaft zu sein, so wie sie sein wollen und leben möchten, anstatt sich normativen Formen unterzuordnen. «Queer Rights are Human Rights» und «Black Trans Lives Matter» sind keine Floskeln, sondern fordern ganz konkret Anerkennung, Respekt und Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen wie Schutz vor Diskriminierung, Schutz der körperlichen Unversehrtheit und Zugang zu medizinischer Versorgung für ALLE.

Unser erweitertes Ausstellungsformat für prozessbasierte Kunst in der Shedhalle, die Protozone, soll gängige Produktionsformate und Zeitlichkeiten queeren, indem ein Fokus auf den Prozess, verschiedene Intensitäten und persönlichen Austausch gelegt wird. Ausserdem haben Philipp und ich eine Reihe ins Leben gerufen namens «Proto-Club», die sich explizit queere Kultur ins Zentrum stellt. Die nächste Ausgabe findet Ende Juli statt und kulminiert am 1. August in einem grösseren queer-kollaborativen Anlass – wir halten euch auf dem Laufenden.

Fühlst du dich selbst der LGBTQIA+ Community zugehörig?
Ja, definitiv. Auch wenn mir die Bezeichnung mit Worten, die Einordnung an sich immer wieder schwerfällt – aber es hilft natürlich, Sichtbarkeit zu schaffen und Erfahrungen zu teilen. Ich würde mich als nicht-binär, pansexuell und polyamourös bezeichnen und benutze keine oder nicht-binäre Pronomen wie «xier». Zum Glück haben viele tolle Menschen schon die Arbeit gemacht, das alles im Internet zu erklären, sodass ich hier einfach eine Web-Suche zu diesen und vielen weiteren Begriffen des LGBTQIA+-Spektrums empfehlen kann. Oder sprecht mich an, wenn wir uns sehen.


Marcel Tappeiner, Sie sind Mitglied der Letzi Junxx, einer LGBT-Fangruppierung, und Präsident des Fördervereins FCZ-Museum. Ist das ein Zufall in dieser Kombination?
Die Letzi Junxx und das FCZ-Museum wurden kurz nacheinander gegründet. Seit der Eröffnung des Museums hielten die Letzi Junxx ihre GV im Museum ab. So entstand früh ein persönlicher Kontakt, welcher später zum Engagement im Förderverein führte.

Wann wurden die Letzi Junxx gegründet? Hat sich historisch seither etwas gewandelt bezüglich Einstellungen in den Kurven?
Die Letzi Junxx wurde anlässlich der Europride in Zürich 2009 gegründet. Auslöser war auch die Gründung von queeren Fanclubs in Bern und Basel. Die Sichtbarkeit und Präsenz unseres Fanclubs hat Sensibilität und Akzeptanz sicher gestärkt. Die Stimmung in der Kurve ist aber auch abhängig von den aktuellen Einstellungen der Jugendlichen generell.

Sie engagierten sich also früh in der queeren Bewegung. Wie erleben Sie diese in den Museen – speziell im FCZ-Museum?
Queere Geschichte wird vereinzelt in Museen dargestellt – ist aber heute noch kein selbstverständlicher Teil der meisten Ausstellungen. Wir haben einzelne thematische Veranstaltungen durchgeführt und fühlen uns immer willkommen. Aber auch im FCZ-Museum sind queere Themen im Fussball nicht Teil der meisten Ausstellungskonzepte.

Warum gibt es eigentlich kein Museum der queeren Bewegung in Zürich? Wäre das ein Projekt der Zukunft und wie müsste ein solches Museum aussehen, Ihrer Meinung nach?
Es gibt Beispiele dazu, etwa das schwule Museum in Berlin. Ob Zürich für ein eigenes Museum genügend Markt-Potenzial bietet, sei dahingestellt. Persönlich hielte ich die thematische Integration in die verschiedensten bestehenden Museen für viel spannender.


Michael Birchall, Sie sind der neue Kurator des Migros Museums für Gegenwartskunst. Können Sie uns etwas über die LGBTQIA+ Ausstellungen im Museum erzählen?
Ja, ich bin seit Oktober 2020 neu im Migros Museum, davor habe ich fast 5 Jahre an der Tate Liverpool gearbeitet. Im Jahr 2019 haben wir die Ausstellung «United by AIDS» gezeigt, die von meinem Vorgänger Raphael Gygax kuratiert wurde. Die Ausstellung präsentierte eine Reihe von Künstler*innen, die sich mit HIV/AIDS-Aktivismus von den 1980er-Jahren bis in die Gegenwart auseinandergesetzt haben; obwohl sich nicht alle Künstler*innen als LGBTQIA+ identifizieren, beschäftigten sich ihre Arbeiten mit dem Thema HIV/AIDS und wie es in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Dies war eine wichtige Ausstellung, um die Debatte in die Öffentlichkeit zu tragen, denn viele Menschen sind sich oft nicht bewusst, wie HIV heutzutage mit antiviralen Medikamenten behandelt wird. Dennoch ist HIV/AIDS weltweit immer noch eine Pandemie, bei der Menschen keinen Zugang zu einer Behandlung haben. 

Es ist wichtig, zwischen Künstler*innen zu unterscheiden, die Arbeiten in Bezug auf ihre Identität schaffen, und solchen, die sich mit anderen Themen befassen. Ein anschauliches Beispiel für eine*n Künstler*in, der dies tut, ist Henrik Olesen, der in seiner Arbeit, einige schwul-lesbische Künstler*nnen zeigt, die für die Homo-soziale Kultur relevant sind – geboren zwischen ca. 1300-1870 / Sex-Museum 2005-2007. Diese expansive didaktische Arbeit ist derzeit als Teil der Ausstellung von Yael Davids «One Is Always a Plural» zu sehen (bis 05.09.) und wurde erstmals 2007 im Museum präsentiert, hier erforscht Olsen LGBT-Identitäten durch visuelle Kultur. 

Wie sehen Sie die Praktiken der LGBTQIA+-Inklusion in den Museen? Gibt es Beispiele aus Zürich? Oder aus Grossbritanien, wo Sie herkommen? 
Da Museen kulturelle Räume und Plattformen für die Diskussion aller möglichen Themen sind, sehe ich sie als einen Ort, der alle Arten von Identitäten und Praktiken einschliesst – und das geht über LGBTQIA+-Praktiken hinaus. Es gibt viele Projekte, mit denen ich in Grossbritannien vertraut bin, besonders im Zusammenhang mit Museumssammlungen. Ein Beispiel ist das Forschungsprojekt «Pride & Prejudice» im National Museum Liverpool. Das Museum hat ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um die LGBTQIA+-Geschichte in seinen aktuellen Sammlungen zu erforschen, die Sozialgeschichte, Malerei, Skulptur, Film und so weiter umfassen. Das Museum ist das grösste seiner Art ausserhalb von London mit mehreren Standorten. Dieses Projekt führte zum Erwerb von Objekten von Mitgliedern der LGBTQIA+-Community, die die Geschichte der Stadt und damit auch die Haltung Grossbritanniens gegenüber LGBTQIA+-Geschichten erzählen. 

Inklusion in Museen ist essenziell. Wir müssen sicherstellen, dass wir Programme und Ausstellungen anbieten, die die LGBTQIA+-Identität widerspiegeln und auch die breitere Gesellschaft über einige der unbekannten Geschichten aufklären, die oft verschwiegen werden. Ich denke, wir können von der LGBTQIA+-Community lernen und mit Organisationen in der ganzen Schweiz zusammenarbeiten, um die Inklusion weiter zu fördern. 

Wie ist Ihre kuratorische Perspektive auf LGBTQIA+ in den Museen? 
Als Kurator habe ich das grosse Glück, mit einer Vielzahl von Künstler*innen zu arbeiten, die alle möglichen Interessen haben. Meine Aufgabe ist es, diese Arbeiten – ob Video, Performance oder Malerei – in ein Ausstellungsformat zu bringen, das dem Publikum eine Vielzahl von Zugängen ermöglicht. Ich habe meine queere Identität nie als Bestandteil meiner kuratorischen Position betrachtet, bis ich vor ein paar Jahren erkannte, dass sie etwas ist, das ich ausbauen und entwickeln kann. Ich bin glücklicherweise in einer Position, in der ich Ideen mit einem breiteren Publikum teilen kann, und das erlaubt mir, unter anderem LGBTQIA+-Perspektiven einzubeziehen. 

Es ist ein Klischee, aber die Welt verändert sich ständig und zeitgenössische Künstler*innen reagieren auf die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Themen unserer Zeit. In den letzten Jahren haben wir ein enormes Wiederaufleben der Identitätspolitik in der Populärkultur erlebt, was mit Intersektionalität zu tun hat. Museen und andere kulturelle Plattformen wie Theater, Musikzentren usw. müssen auf die aktuellen Debatten reagieren und denjenigen eine Plattform geben, die marginalisiert sind.  Dazu müssen wir denjenigen zuhören, die das Museum besuchen, aber auch unsere Teammitglieder wertschätzen und unterstützen, die ihre eigenen Erfahrungen und Kontexte haben, auf die wir zurückgreifen können. 

Wie bereits Marcel Tappeiner angedeutet hat, können Museen also mehr tun. Was und wie?
Museen können immer mehr tun, aber es ist eine Frage von Zeit und Ressourcen. Wenn wir uns innerhalb der Branche gegenseitig unterstützen und auf Modelle der Inklusion in unseren Programmen hinarbeiten, können wir viel mehr tun. Die Schweiz hat fantastische Museen mit wunderbaren Sammlungen, das ist immer ein guter Ausgangspunkt, um LGBTQIA+-Identitäten zu erforschen. Wenn etwa eine Sammlung einer grossen Neuaufhängung unterzogen werden soll, wäre es wichtig, LGBTQIA+-Stimmen aus der Community einzubeziehen, um Werke auszuwählen, die repräsentativ für die Gesellschaft sind. Dies würde die Beziehung der Institutionen zu ihrem breiteren Publikum weiter verbessern und den kuratorischen und pädagogischen Abteilungen ermöglichen, von Mitgliedern der LGBTQIA+-Community zu lernen.

Es ist immer schwierig, «die Tür zu öffnen» und sich von einer singulären kuratorischen Stimme wegzubewegen, aber es führt oft zu fruchtbareren Begegnungen in Museen. Generell sollten Museen immer darüber nachdenken, wen sie in ihre öffentlichen Programme einbeziehen, wie vielfältig sind sie? Wer fehlt in der Konversation? Fragen, die immer Teil des Dialogs sein sollten.

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