v. l. n. r.: Simon Maurer (Leiter Helmhaus Zürich), Linda Schädler (Leiterin der Graphischen Sammlung ETH Zürich), Claudia Rütsche (Direktorin Kulturama Museum des Menschen) und Ulrike Kastrup (Direktorin focusTerra)

Zu Gast bei Linda Schädler, Leiterin der Graphischen Sammlung ETH Zürich, diskutierten Ulrike Kastrup (Direktorin focusTerra), Simon Maurer (Leiter Helmhaus) und Claudia Rütsche (Direktorin Kulturama Museum des Menschen) über ein Thema, das in aller Munde ist: Partizipation im Museum. Partizipation erstreckt sich über verschiedene Dimensionen und spielt eine entscheidende Rolle für die Weiterentwicklung der Museumslandschaft. Sie fungiert nicht nur als Anreiz für den Museumsbesuch, sondern manifestiert sich auch als eine Form der Interaktion, als Dialog, Reflexion, Wissensaufbau, -austausch und -transfer. Partizipation im Museum bedeutet nicht nur die Einbindung des Publikums, sondern es öffnet die Türen für eine Zusammenarbeit mit Forschenden, Lehrenden, Studierenden, Kindern und vielen anderen Personengruppen.

Was bedeutet für euch Partizipation im Museum, wie erlebt ihr diese?

Ulrike Kastrup: Partizipation beginnt bereits beim Zuhören im Museum, um zu wissen, wie alle erreicht werden können. Es geht darum, sicherzustellen, dass alle Zugang zu Informationen haben und ein individuelles Erleben ermöglicht wird. Von gemeinsamen Ausstellungen hin zu interaktiven Exponaten und der Förderung der Staatsbürgerschaftsausübung – Partizipation befähigt das Publikum, sich am sozialen Wandel zu beteiligen. focusTerra setzt auf Barrierefreiheit, interaktive Elemente im Museum und Dialogformate wie Workshops, um eine vielfältige Beteiligung zu ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist die Online-Ausstellung «Reisesteine». Hier können alle, die mitmachen wollen, Fotos von ihren Lieblingssteinen mit Geschichten, Fundorten, geologischen Informationen und Koordinaten einsenden. So entsteht eine von den Teilnehmer*innen selbst erstellte Sammlung von Steinen. Ein aktuelles Projekt ist ein Online-Fotowettbewerb für die geplante Ausstellung über CO₂ im Jahr 2025, mit dem wir die Teilnehmer*innen motivieren, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen – nicht nur in der Natur, sondern auch für die Kultur. Sie sollen ein Foto von einem Ort oder Objekt einsenden, das sie schützen möchten, und angeben, wie sie selbst zum Klimaschutz beitragen. Unser Ziel ist es somit, sowohl die Natur als auch die kulturellen Aspekte des Klimaschutzes zu betonen, da beide bedroht sind.

Claudia Rütsche: Das Ziel der Gründung vom Kulturama Museum des Menschen war die Museumspädagogik, also die Vermittlung von Wissenschaft und Kultur. Daher haben wir viele Vermittlungsangebote. Partizipation ist für uns somit in Ausstellungen entscheidend. Besucher*innen sollen zu den Ausstellungen beitragen können, sei es durch Erfahrungen, Ideen, Rückmeldungen oder Materialien. Das schliesst Fragen an den Wänden ein, die von anderen Besuchenden gelesen werden können, um einen offenen Dialog zu fördern. Wir haben in fast jeder Ausstellung einen Bereich dafür. Die Erfahrung zeigt, dass Besuchende nicht nur an den Museumsinhalten, sondern auch an den Beiträgen der anderen interessiert sind. Für uns ist es zudem wichtig, dass die Personen, die die Ausstellung konzipiert haben, direkt mit den Besuchenden in Kontakt treten. So erfahren wir, was ankommt, was verstanden wird und was nicht. Das beeinflusst nicht nur die laufende Ausstellung, sondern auch zukünftige Projekte. Denn wir wollen nicht nur Expertenwissen vermitteln, sondern verstehen Vermittlung als einen Dialog auf Augenhöhe, zu dem jede*r etwas beitragen kann.

Ulrike Kastrup: Consultancy ist ein weiterer Aspekt der Partizipation. Also z. B. beim Publikum erfragen, ob das Mammut wiederbelebt werden soll oder wo nukleare Abfälle gelagert werden sollen. Das könnte auch interessant sein, um ein Bild der Bevölkerung zu erhalten zu verschiedenen Themen. 

Simon Maurer: Ich frage mich natürlich auch, warum die Welt scheinbar immer partizipativer wird. Also, woher es kommt, dass alle zu allem und jedem wie jeder etwas sagen müssen. Liegt es am Internet, an den sozialen Medien und der wachsenden Kommentierbedürftigkeit? 

Ulrike Kastrup: Glaubst du, es kommt aus dem Äusserungsbedürfnis? Ich dachte, die Bewegung kommt aus den Museen heraus, dass sie demokratischer werden wollen und nicht mehr nur Expert*innen einbeziehen wollen.

Simon Maurer: Die Frage erinnert mich an das Dilemma von Huhn und Ei. Mein Eindruck ist, dass wir als Museum eher auf diese Bewegung reagieren als ihr vorauszugehen.

Linda Schädler: Man kann auch kritisch sehen, dass immer alle partizipieren sollen. In dem Buch «The Nightmare of Participation» von Markus Miessen wird der Anspruch, dass jede*r sich äussern soll, unabhängig von Fachkenntnissen, als Pseudopartizipation bezeichnet. Dem stimme ich zu, denn oft sieht man auf sozialen Medien oberflächliche Meinungsäusserungen. Einfaches Abstimmen mit einem Knopfdruck bei komplexen Kunstinstallationen empfinde ich ebenfalls nicht als wahre Partizipation. Daher halte ich den Einfluss von Social Media und Computern für nicht unwesentlich.

«Partizipation befähigt das Publikum, sich am sozialen Wandel zu beteiligen. Es geht darum, sicherzustellen, dass alle Zugang zu Informationen haben und ein individuelles Erleben
ermöglicht wird.»
– Ulrike Kastrup
 

Simon Maurer: Es kommt auch auf die Besuchenden an. Nicht alle Besucher*innen möchten angesprochen werden, sondern suchen Raum für Ruhe und persönliche Reflexion. In Bezug auf Partizipation gibt es auch Unsicherheiten, insbesondere, wenn es darum geht, unser Publikum zu definieren. Die Herausforderung besteht darin, dass viele Besucher*innen wenig Zeit haben und schnell durch die Ausstellungen gehen. Daher haben wir z. B. Gespräche in den Ausstellungen als Vermittlungsangebot gewählt, um bewusst Menschen einzubeziehen, die nicht in der Kunstszene zu Hause sind. Dieses Feedback ist für uns ein wertvolles Instrument. 

Linda Schädler: Partizipation bedeutet für uns auch, aktiv mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen – sei es an Diskussionen oder Führungen. Wir haben zudem festgestellt, dass die Menschen gerne manuell tätig sind, wie in unserer Druckwerkstatt an der Langen Nacht. Diese sind enorm beliebt, da die Besucher*innen ihre eigene Druckgraphik erstellen und dabei die Technik kennenlernen. Zusätzlich haben wir die App «Digitales Kuratieren» entwickelt, die es den Besuchenden ermöglicht, im digital nachgebildeten Ausstellungsraum eine eigene Ausstellung zu kuratieren. Auch unser Online «Art-Memory» ist sehr beliebt.

Simon Maurer: Das Thema Augenhöhe ist gefallen, was uns natürlich auch extrem beschäftigt. Wir nennen Führungen nicht mehr Führungen, sondern Führungen und Austausch von Eindrücken. Dann bieten wir die sogenannten Crash-Kurse zu kunstwissenschaftlichen Begriffen an, bewusst zugänglich und ermutigend zum Mitreden. Interessanterweise haben wir festgestellt, dass es nicht immer die grossen Veranstaltungen sind, die besonders partizipativ wirken. Meine persönliche Lieblingsveranstaltung war sogar eine kleine, bei der ein poetischer Künstler mit nur vier Teilnehmenden interagierte. Nach der offiziellen Veranstaltungszeit setzten sie ihre Diskussion noch anderthalb Stunden fort. Solche Momente des aktiven Austausches empfinde ich als Sternstunden der Partizipation. Übrigens: Für uns beginnt Partizipation schon bei der Auswahl der Kunstwerke. Welche Werke wählen wir aus? Es sind Werke, die eine gewisse Offenheit und Diskussionsanreize bieten. Diese bewusste Auswahl unterstützt einen Dialog und trägt dazu bei, dass die Kunst nicht nur betrachtet, sondern auch aktiv diskutiert wird. Sie ist gewissermassen eine Art Voraussetzung für die Partizipation der Besucherinnen und Besucher.

«Eine wichtige Form der Partizipation bei uns ist die Zusammenarbeit mit Künstler*innen. Wir beteiligen sie immer wieder aktiv an der Entwicklung von Ausstellungen, schaffen Raum für gemeinsame Projekte und fördern so die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen.»
– Linda Schädler
 

Simon Maurer: In den vergangenen Jahren haben wir uns intensiv mit den Themen Migration, Rassismus und Barrierefreiheit auseinandergesetzt. Es handelt sich um einen fortwährenden Prozess, der ständige Anpassungen erfordert. Hier machen wir viele Erfahrungen, da wir ein äusserst heterogenes Publikum ansprechen. Dies ist vorwiegend durch unsere geografisch zentrale Lage und den freien Eintritt bedingt, wodurch wir ein internationales Publikum mit unterschiedlichen Hintergründen und Kenntnissen anziehen.

Ulrike Kastrup: Der Eintrittspreis ist entscheidend für die Zugänglichkeit, ohne die keine Partizipation möglich ist. 

Claudia Rütsche: Die Schulangebote sind besonders wertvoll, da dadurch Schulklassen unterschiedlicher Zusammensetzung mit Museen in Kontakt kommen. Oft bringen Schülerinnen und Schüler danach ihre Familien mit, was eine wunderbare Möglichkeit ist, sie für das Museum zu gewinnen. Ein wichtiger Punkt aus der Literatur ist die Frage nach der Partizipation als Ausweg aus der Krise der Repräsentation in Museen. Historisch betrachtet waren Museen ursprünglich eher Bildungsbürgerangelegenheiten und weniger für ein breites Publikum konzipiert. Heutzutage streben Museen jedoch eine inklusivere und partizipativere Rolle an. Die Frage nach der Partizipation sollte differenziert betrachtet werden. Es geht nicht immer darum, externe Personen direkt an der Ausstellungsgestaltung zu beteiligen. Vielmehr geht es darum, partizipative Elemente zu integrieren und den Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern zu fördern. Eine zentrale Rolle spielt die Vermittlung, also dass das Museumsteam direkt mit den Besuchenden in einen Austausch tritt. Dies erfordert Offenheit, Bereitschaft zur Diskussion und die Fähigkeit, spontan auf Rückmeldungen zu reagieren. Eine persönliche Vermittlungsperson ist dabei von grosser Bedeutung.

«Für uns beginnt Partizipation schon bei der Auswahl der Kunstwerke. Welche Werke wählen wir aus? Es sind Werke, die eine gewisse Offenheit und Diskussionsanreize bieten.»
– Simon Maurer

Linda Schädler: Ich glaube – und das erscheint mir bedeutend für das Thema Partizipation – es besteht ein Unterschied, ob man Phänomene zur Anschauung bringt oder eine Sammlung präsentiert. In unserem Fall liegt der Fokus auf Originalen, auf den Werken selbst. Eine wichtige Form der Partizipation bei uns ist die Zusammenarbeit mit Künstler*innen. Wir beteiligen sie immer wieder aktiv an der Entwicklung von Ausstellungen, schaffen Raum für gemeinsame Projekte und fördern so die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen». Ein Thema eines Künstler*innen-Duos war «Darstellungen von Frauen bei der Ausübung unbezahlter Arbeit» (RELAX, 2018). Da das keine traditionelle kunsthistorische Kategorie war, führte dies zu interessanten Diskussionen über die Sammlung und ihr Ordnungssystem. Zugleich mussten wir über unsere herkömmlichen Suchformen und Herangehensweisen reflektieren. Und vielleicht muss ich dazu anfügen, dass unsere Sammlung aus 160’000 Kunstwerken aus Papier besteht. Sie sind alle in Boxen gelagert, in Schränken verstaut, und es ist für Aussenstehende nicht einfach, sich eine Übersicht zu verschaffen. Es brauchte also einen stetigen Austausch. Diese Art der Partizipation ist besonders bereichernd, da sie nicht nur von uns zu den Kunstschaffenden wirkt, sondern auch wieder zurück zu uns und unserer Auseinandersetzung mit der Sammlung. Ebenso lassen wir immer wieder Studierende partizipieren, so z. B. bei der Ausstellungskonzeption und -gestaltung. Partizipative Ausstellungen sind im Allgemeinen immer aufwendig. Deshalb verfolgen wir verschiedene Ansätze und variieren je nach Ausstellung. 

«Die Frage nach der Partizipation sollte differenziert betrachtet werden. Es geht nicht immer darum, externe Personen direkt an der Ausstellungsgestaltung zu beteiligen. Vielmehr geht es darum, partizipative Elemente zu integrieren und den Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern zu fördern.»
– Claudia Rütsche
 

Simon Maurer: Ich möchte gerne noch auf einen weiteren Punkt eingehen. Die Entstehungsgeschichte der Museen stellt letztlich eine Machtfrage dar. Um diese aufzubrechen, könnte man überlegen, inwiefern man sich wirklich auf sie einlässt. Dabei sind wichtige Überlegungen, welche Künstler*innen man einbindet. Man kann noch weitergehen, indem man diese Künstler*innen ermutigt, selbst Leute einzuladen. In diesem Moment übergibt man die Macht und muss dann damit umgehen, was geschieht. Ein besonderes Erlebnis war 2015, ein Jahr, das für mich alles verändert hat. Trotz Ängsten beim Leiten von Ausstellungen habe ich etwas Extremes gewagt: Das Haus war zehn Wochen lang rund um die Uhr geöffnet. Ich lud eine Künstlerin ein, die mit elf Leuten ein Stockwerk des Hauses bespielte und dort Kunst schuf. Andere taten es ebenfalls, und das Haus war für das Publikum offen. Es gab drei Schamanen, darunter auch Leute aus Mexiko. Ein unvergesslicher Moment war, als ein älterer Besucher auf einen von ihnen, der Federn trug, zugegangen ist und sagte: «Aha, Sie sind jetzt Teil dieses Projekts», weil er Federn trug. Der Schamane lächelte und antwortete: «Ja, und Sie auch.»

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