Museumsarchitektur: zwischen Kunst und Funktionalität

05.10.2021 / Blog
Kunsthaus Zürich Chipperfield-Bau. Fotos © Juliet Haller, Amt für Städtebau, Zürich
Landesmuseum Zürich
Mona Farag, Christ & Gantenbein

Museen haben besondere Ansprüche an ihre Architektur: Der Bau soll neugierig machen, Aufmerksamkeit erregen, sich in die Umgebung einfügen, der Kunst eine Bühne bieten, sie gleichzeitig schützen und flexiblen Raum lassen für Veranstaltungen und für eine entspannte Atmosphäre sorgen. Es gibt also ganz schön viel zu erfüllen. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, ob der Museumsbau selbst Kunstwerk sein soll – oder darf. Aktuell auch am Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich. Ein Gespräch über heutige Museumsarchitektur mit Mona Farag von Christ & Gantenbein.

Frau Farag, Sie sind seit 19 Jahren Architektin bei Christ & Gantenbein und seit 2017 Partnerin. Christ & Gantenbein hat unter vielen anderen Projekten den Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel und den des Landesmuseums Zürich realisiert. Aktuell plant Christ & Gantenbein den Erweiterungsbau für das Wallraf-Richartz-Museum in Köln und den MACBA-Erweiterungsbau in Barcelona. Was ist für Sie gute Museumsarchitektur heute? 
Heutzutage benötigen Museen in der Regel flexible Räume für Ausstellungen, die diversen Formaten, Medien, Situationen und Zeiträumen gerecht werden können. Das, was neu gebaut wird, muss diesem Umstand Rechnung tragen. Räume brauchen beispielsweise eine Struktur, an der man Lasten aufhängen, sowie Kunst an die Wände anbringen kann. Sie brauchen Anschlüsse für Strom und Medien, flexibel einsetzbares Kunstlicht und das Ausschliessen von Tageslicht. Dazu kommen Sicherheitsaspekte bezüglich Überwachung der Exponate, ein kunstfreundliches Klima, das den konservatorischen Anforderungen hinsichtlich Temperatur und Luftfeuchtigkeit Rechnung trägt.  Dabei müssen die Klimabedingungen für den ganzen Prozess stimmen: Konservatorische Gesichtspunkte spielen nicht erst im Ausstellungsraum eine wichtige Rolle, sondern sind bereits beim Aufbau und Transport von zentraler Bedeutung.  Bei Erweiterungsbauten kommen weitere Komponenten dazu. Der Kontext spielt eine wichtige Rolle. Bei einer Erweiterung, wie beispielsweise dem Kunsthaus Zürich, wird eine Beziehung zum Bestand hergestellt. Es gibt immer einen Zusammenhang und dieser begleitet einen durch den ganzen Entwurfsprozess; städtebaulich und volumetrisch bis hin zur Materialisierung, zur Lichtstimmung und zu den Oberflächen.  Christ & Gantenbein hat ja schon einige Erweiterungsbauten fertiggestellt und ich finde es wahnsinnig spannend, in diesem Kontext arbeiten zu dürfen.

Wird ein besonderes Augenmerk darauf geworfen, dass die Erweiterung nicht in Konkurrenz zum Haupthaus steht?
Beim Kunsthaus Zürich und unseren Erweiterungsbauten in Zürich oder etwas Basel  würde ich sagen ja. Diese Hauptbauten sind bedeutende Architekturstücke und ein Teil Stadt- und Kulturgeschichte. Insofern haben sie eine wichtige Bedeutung. Sie stehen bestenfalls immer in Beziehung mit der Erweiterung und es entsteht ein Dialog zwischen alt und neu.

Was ist für Sie als Architektin speziell, wenn Sie ein Museum oder einen Erweiterungsbau entwerfen? Haben Sie eine andere Herangehensweise?
Ich möchte keine Generalisierung machen, aber es gibt eine bestimmte Arbeitsmethodik, die sowohl bei einem Wohnungsbau, Bürogebäude oder eben auch im Museumsbau gilt. Zeitgleich gibt es aber immer auch signifikante Unterschiede wie zum Beispiel städtebauliche Bedingungen und Komplexitäten, spezifisch relevante Referenzen oder  das kultur- und bauhistorische Umfeld. Aber, nebenbei erwähnt, hat auch ein Büro- oder Fabrikgebäude eine kulturhistorische Bedeutung: Man fragt sich, wie gearbeitet wird, wie in Zukunft gearbeitet werden soll und wie flexibel man sein möchte. Hier könnte man exemplarisch unser kürzlich für Roche fertiggestelltes Flexible Workspace Building erwähnen.

Gehen Sie als Besucherin oder Architektin in ein Museum? Haben Sie ein Lieblingsmuseum?
Der professionelle Blick lässt sich zumindest bei mir nicht wirklich abschalten. In der akuten Phase des Umbaus vom Landesmuseum Zürich lief bei mir bei einem Museumsbesuch automatisch ein Programm ab: wie wurde dies oder jenes in diesem Museum umgesetzt? Dabei ging es um so unterschiedliche Fragen wie die Besucherführung, der Umgang mit Tageslicht oder die Positionierung von Lüftungsauslässen. Während Christ & Gantenbein an mehreren Kulturbauten arbeitet, plane ich selbst zurzeit kein Museum und kann darum als Besucherin Ausstellungen mit einer anderen Perspektive geniessen. Ich lebe in Basel und gehe gerne in die Kunsthalle Basel und natürlich auch ins Kunstmuseum

Was entscheidet über die Qualität eines Museums? 
Meines Erachtens bedingen mehrere voneinander unabhängige Ebenen, was ein gutes Gebäude ist. Ich würde sagen, es handelt sich um ein gutes Museum, wenn es zu seinem Umfeld in einer plausiblen Beziehung steht. Wenn es als Typus funktioniert, vielleicht sogar eine Weiterentwicklung, eine Neuschöpfung ist. Zudem braucht es eine gute Fassade und Innenräume, die der Funktion gerecht werden. Am Ende geht es auch um Schönheit und Proportionen wie auch um die Organisation der Besucher- und Warennströme und um die Bespielbarkeit für Ausstellungen. Es geht um all diese Ebenen, es gibt nicht die eine Grösse, das eine Merkmal, das man eindeutig quantifizieren kann. Deshalb wird man sich wohl auch nie ganz einig sein. Diese Mehrdeutigkeit ist es, was mich unter anderem an der Architektur interessiert und was den Diskurs darüber so spannend und wichtig macht.

Gibt es Museumsbauten, die die erläuterten Qualitätsmerkmale oder Kriterien nicht erfüllen? Die nicht als Museum funktionieren? 
Ein Beispiel ist der Altbau des Landesmuseums Zürich vor seiner Sanierung. Der Bau wurde 1898 eröffnet und aufgrund dieses stolzen Alters gab es erhebliche Mängel in der statischen Struktur und im Brandschutz und grosse Einschränkungen für Wechselausstellungen hinsichtlich des Raumangebotes generell und der technischen Ausstattung der Räume. Dies betrifft viele der heute existierenden, älteren Museumsbauten. Daher bedürfen sie neben einer Sanierung auch oft eines Erweiterungsbaus. Mit einem solchen Schritt lassen sich dann auch die heutzutage zusätzlich erforderlichen Raumangebote wie zum Beispiel Museumsshops und -Cafés realisieren. Das entlastet den Bestand und ermöglicht es diesen behutsam und respektvoll zu sanieren.

Wie stark darf und soll ein Museum Kunstwerk sein? 
Sagen wir es so: Gelingt es, dass ein Werk mit dem Raum, in dem es ausgestellt ist, mit dessen Materialisierung und seiner Lichtstimmung eine Beziehung eingeht und in Dialog tritt, ist es zumindest interessant – und liefert im besten Fall  einen Mehrwert für Architektur und Kunst. Das Werk sieht so in diesem Raum, in dieser Ausstellung, an diesem Tag anders aus als sonst irgendwo und irgendwann.  
Nimmt man das Kunstmuseum Basel oder das Landesmuseum Zürich, sind in beiden Fällen die Bestandsbauten sehr präsent in ihrer Materialität. Sie sind nicht neutral und weit entfernt von einem «white cube». Das haben wir in den Erweiterungen jeweils aufgenommen und interpretiert.

Das wurde beim Erweiterungsbau des Kunsthauses so gemacht. 
Ja, denn es sind keine neutralen Räume. Sie haben eine starke Materialität und Ordnung. Ich habe sie bisher nur leer gesehen und sie sind toll! Es ist eine schöne Raumfolge und ich freue mich, wenn ich den Erweiterungsbau dann mit Exponaten erkunden darf. 

Beim Museumsbau ist generell weniger Tageslicht mehr. So wurde es auch bei der Erweiterung des Landesmuseums umgesetzt. Die Chipperfield-Erweiterung vom Kunsthaus ist offen und hat viel Tageslicht. 
In den Laibungen der schmalen Fenster ist so weit ich weiss der Sonnenschutz versteckt; man kann das Haus also komplett schliessen. Hat man einen Leerraum oder ein Objekt, das man im Tageslicht zeigen kann und ihm damit nicht schadet, kann das bereichernd sein. Das Werk verändert sich so mit dem Tagesverlauf und dem Wetter und hat einen offenen Bezug zur Stadt. Das bringt einen Mehrwert und macht Exponate unterschiedlich wahrnehmbar.

Städtebaulich sind Museen an sehr prominenten Lagen. Wie viel fliesst davon ein bei einem Erweiterungsbau oder einem neuen Museum? 
Im Regelfall sind  Museen zentrale öffentliche Orte.  Das bringt spannende Aufgaben mit sich: Wo positioniert man die Erweiterung, wie interpretiert man das bestehende räumliche Gefüge; was will man stärken, was will man hervorheben, was muss man aber vielleicht auch neu ordnen? Die Kunsthaus-Erweiterung ist städtebaulich ein sehr anspruchsvoller Ort. Die Beziehung zum Hauptbau über den Verkehrsknotenpunkt hinweg war sicherlich eine grosse Herausforderung.

Das ist auch der Fall beim Erweiterungsbau des Landesmuseums.
Ja. Die ganzen Aussenräume neu zu denken und zu konzipieren sowie deren Gestaltung war ebenfalls Teil des Projekts. Bis zur Sanierung befand sich der Haupteingang recht versteckt unter dem Hauptturm. Neu öffnet er sich direkt zum Eingangshof. Es gab an dieser Stelle in der Vergangenheit bereits schon einmal einen Eingang: den der Kunstgewerbeschule. Dieses Motiv haben wir aufgenommen, aber wesentlich grosszügiger gestaltet. Der neue Eintrittspunkt liegt ideal! Es handelt sich regelrecht um einen Knotenpunkt, an dem die verschiedensten Nutzungen zusammenkommen: Empfangstresen mit Ticketverkauf, Garderoben, Shop, Café, Bar und Restaurant, Zugang zu den Ausstellungen im Hauptbau und den Wechselausstellungen im Erweiterungsbau.

Museumsarchitektur bewegt sich also zwischen Kunst und Funktionalität – was erachten Sie hier als wichtig? 
Man sollte keine Angst vor spezifischen Räumen haben, in denen Kunst stattfinden darf und soll. 

Glauben Sie, dass Architektur als Lockmittel für Besucher*innen funktioniert?
In der Vergangenheit hat es sich gezeigt, dass das geht: Das Museum als eine Art Event – wo die Handschrift des Architekten erkennbar ist und der Name wie ein Magnet Besucher aus aller Welt anzieht. Ob dies in gleicher Art weitergehen wird, wird sich zeigen: Das Konsum- und Reiseverhalten ändert sich, was für die Architektur und die Museen neue und spannende Herausforderungen bedeutet.

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