Ana Brankovic, 2023, Foto: Kenneth Nars

Smartphones und die ständige Präsenz sozialer Medien lassen den Realraum und die virtuelle Welt zunehmend verschmelzen, was auch die Museumsarbeit berührt. Ana Brankovic, Kunst- und Kulturschaffende sowie Leiterin der digitalen Kommunikation am Kunstmuseum Basel, gewährt uns einen tieferen Einblick.

Ana Brankovic, kann man die Beziehung zwischen Museen und sozialen Medien als eine Art Huhn-und-Ei-Problem betrachten?
Die Beziehung zwischen Museen als physische Räume und den ortsunabhängigen sozialen Medien ist zweifellos komplex. Während Facebook und Instagram erst seit den frühen 2000ern existieren, gibt es Museen schon seit viel längerer Zeit. So besitzt das Kunstmuseum Basel beispielsweise seit 1661 die älteste öffentliche Sammlung der Welt. Daher lässt sich diese Beziehung nicht als ein Huhn-und-Ei-Problem betrachten, denn die Museen waren zuerst da. Vielmehr sehe ich das Verhältnis als eine Chance für Museen, das Publikum durch neue Medien auf innovative Weise zu erreichen und dies nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den klassischen Medien. Community Management, Interaktion und der direkte Kontakt mit einem ortsunabhängigen Publikum sind dank Social Media möglich. Der digitale Kontakt kann beispielsweise auch der erste oder sogar einzige sein, den Besuchende mit einem Museum und seinen Inhalten haben. Zudem produziert das Publikum selbst Inhalte, teilt diese eigenständig auf Social Media und ist dadurch in der Lage, Feedback zu geben, Museumsinhalte zu verbreiten oder öffentlich auf Themen aufmerksam zu machen. Konsument*innen sind auch Produzent*innen und es können neue Formen der Wahrnehmung von Museen und ihren Inhalten entstehen.

Müssen sich Museen also an die Trends in sozialen Medien anpassen, um relevant zu bleiben, oder sollten sie stattdessen eine aktivere Rolle bei der Gestaltung der digitalen Plattformen einnehmen und ihre eigenen Werte und Ziele vertreten?
Museen müssen ihre eigenen Werte und Ziele kennen und dabei flexibel mit der Zeit gehen und sich stets selbst hinterfragen. Wer erhält eine Stimme und eine Sprechzeit im Museum? Wer nicht? Über welche Themen wird gesprochen, über welche nicht? Und wen soll das interessieren, in der heutigen Zeit, in der digital ein Content-Überfluss herrscht und Aufmerksamkeit die kostbarste Währung ist? Das Publikum fordert einen Mehrwert vor Ort und auch online. Es geht keinesfalls darum, jeden Trend in den sozialen Medien mitzumachen oder auf allen Social-Media-Kanälen aktiv sein zu wollen. Um relevant zu bleiben und publikumsorientiert zu handeln, bedarf es einer Analyse vom eigenen Status Quo und möglicherweise einer Neudefinition, was die Unternehmenskultur und die Werte angeht. Begriffe wie Vermittlung, Interaktion, Publikum und Marketing bekommen durch digitale Möglichkeiten eine neue Bedeutung. Es braucht in digitalen Abteilungen von Kulturinstitutionen Fachkompetenz und Ressourcen, denn neue Medien bieten neue Möglichkeiten und genauso neue Herausforderungen. Doch nicht nur Social Media, sondern auch die Zugänglichkeit von Webseiten und Newslettern und digitalen Interaktionen vor Ort sind für Museen beim Kontakt mit dem Publikum nicht ausser Acht zu lassen und bieten einem interessierten Publikum bestenfalls einen Mehrwert.
Soziale Medien sind deshalb «sozial», weil sich hier letzten Endes Menschen tummeln und diese treten nicht mit Institutionen in Kontakt, sondern mit anderen Menschen. Diese könnten zudem wie im realen Leben nicht unterschiedlicher sein und haben verschiedene Interessen: Unterhaltung, Bildung oder mit Freund*innen und Familie in Kontakt bleiben. Als grössere Kernthemen unserer Zeit zeichnen sich Zugänglichkeit (Accessibility), Inklusion, Diversität, das Übernehmen von sozialer Verantwortung, Umweltbewusstsein und Klima ab. Es poppen zudem vermehrt «Instagrammable» Ausstellungen auf, die das Publikum immersiv Teil einer Ausstellung werden lassen und ein Erlebnis bieten, das online niemals so erlebt werden kann wie im realen Raum. Ein Beispiel ist das ortsspezifische Kunstwerk «Life» des Künstlers Olafur Eliasson, welches 2021 in der Fondation Beyeler installiert wurde oder die Kunst von Refik Anadol, der für seine Arbeit mit künstlerischer Intelligenz und Daten bekannt ist und von dem während der Art Basel 2023 beim Theater Basel eine Fassadeninstallation zu sehen war. Beide Beispiele zogen ein breites Publikum an, weit über die Kunstinteressierten hinaus und funktionierten online und vor Ort.

Kurz-Bio
Ana Brankovic lebt und arbeitet als Kulturschaffende, Digital Creator, Creative Director und Multimedia Künstlerin in Basel. Sie berät und begleitet Kulturinstitutionen, die Digitale Strategie, Content Marketing, Social Media Präsenz und Community Building verstehen und umsetzen wollen und leitet seit 2014 den Kulturverein «Wie wär’s mal mit». Ihre künstlerische Praxis sind kollaborative und soziale Erlebnisse mit diversen Menschen, die mit Sound, Mode, Gastronomie, Video, Film und Fotografie einhergehen. In ihren Arbeiten spielen Alltag, Gemeinschaft, Humor sowie Popkultur, Digitale Trends, Onlinephänomene und das Zusammenbringen und Zusammenarbeiten mit unterschiedlichen Menschen eine zentrale Rolle. Zugänglichkeit und Begegnungen auf Augenhöhe sind ihr ein grosses Anliegen, die sich auch in ihrer Museumsarbeit niederschlagen.

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