v. l. n. r.: Rémi Jaccard (Leiter Strauhof), Annette Bhagwati (Direktorin Museum Rietberg), Christian Brändle (Direktor Museum für Gestaltung) und Manuela Hitz (Künstlerische Leiterin und Kuratorin Musée Visionnaire)

Zum zweiten Foyergespräch trafen sich im Pavillon Le Corbusier Christian Brändle (Direktor Museum für Gestaltung), Annette Bhagwati (Direktorin Museum Rietberg), Manuela Hitz (Künstlerische Leiterin und Kuratorin Musée Visionnaire) und Rémi Jaccard (Leiter Strauhof). Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, welche Rolle einem Museum heutzutage neben seinen Hauptaufgaben zukommt, und ob und wie das Museum die Erwartungen des Publikums als sozialen Ort, als Ort der Begegnung, Reflexion und Bildung erfüllt.

Annette Bhagwati: Seit dem vergangenen Jahr gibt es die neue ICOM-Museumsdefinition*. Als wichtige Aspekte sind nun auchTeilhabe, Nachhaltigkeit und Inklusion genannt. Das spiegelt ein Umdenken in Museen wider, das auf veränderte Erwartungen und ein erweitertes Selbstverständnis abzielt.

Christian Brändle: Die Umsetzung von Nachhaltigkeit stellt weniger ein Angebot des Museums dar, sondern vielmehr eine Handlungsform.

Annette Bhagwati: Es stellt sich die Frage, wie nachhaltig Projekte in Museen angelegt sind und inwieweit die Ergebnisse aus der kuratorischen Arbeit oder der Museumsforschung in die Sammlung einfliessen. Nachhaltig zu handeln hat also Auswirkungen auf die Praxis wie auch auf die internen Prozesse, z.B. darauf, ob Ausstellungen kollaborativ konzipiert werden, und auf die Aktionsfelder von Museen.

Rémi Jaccard: Die unterschiedlichen Grössen der Museumsinstitutionen werden auch im Rückfluss spürbar. In unserem Kernteam, das nur aus zwei Personen besteht, sind die Prozesse anders als in grösseren Institutionen. Wir bekommen alles mit, was passiert, und können dieses Wissen in unsere Arbeit einfliessen lassen. Gleichzeitig wird ein Projekt abgeschlossen und dann geht es direkt zum nächsten. Da wir keine eigene Sammlung haben, sind Verbindungen zu früheren Projekten und Ausstellungen oft nicht möglich. Die neue ICOM-Definition zeigt auch die unglaubliche Bandbreite von dem, was unter «Museum» figuriert.

Annette Bhagwati: Ich glaube, dass die drei Erwartungen an Museen – Teilhabe, Nachhaltigkeit und Inklusion – nicht in allen Aufgabenbereichen sichtbar sind. Die vier Kernaufgaben von Museen bleiben das Forschen, Vermitteln, Sammeln und Bewahren. Doch der Anspruch, diese Aufgaben in Hinblick auf die genannten Erwartungen zu überprüfen, spiegelt eine veränderte Haltung wider: Wenn wir ausstellen, sollte es inklusiv und nachhaltig sein, und Teilhabe sollte in unsere Sammlungspraxis einbezogen werden.

«Die Erwartungen an Museen sind oft konträr, also progressiv und konservierend. Einerseits sollen sie die Vergangenheit bewahren und erforschen, andererseits sollen sie in die Zukunft schauen und ein leuchtendes Beispiel für mögliche Entwicklungen sein.»
– Rémi Jaccard

Manuela Hitz: Spannend ist hierbei, dass sich die Sichtweise von der traditionellen Rolle des Museums – «Ich weiss etwas und gebe es euch weiter» – hin zu einer stärkeren Rückkopplung mit dem Publikum verändert hat. Jetzt geht es auch darum, das Publikum einzubeziehen, um verschiedene Perspektiven und Erzählungen zu ermöglichen. Dies bricht Machtstrukturen und Wissensmonopole auf und stellt das Museum vor die Herausforderung, neue Wege zu gehen. Wer sind die Wissenden? Gibt es überhaupt eindeutige Wissende oder nur verschiedene Perspektiven? Das partizipative Element, zum Beispiel, wo ergibt es Sinn und wo nicht, wird zu einem wichtigen Aspekt in der Wissensvermittlung.

Annette Bhagwati: Das ist ein essenzieller Punkt. Auch bei uns im Museum sehen wir uns unterschiedlichen Erwartungen eines Publikums gegenüber, das nicht nur Erkenntnis, sondern auch ein persönliches Erlebnis sucht und sich einbringen möchte. Für uns bedeutet das, dass unsere Angebote vor allem nachvollziehbar und als Positionen klar erkennbar sein sollten. Nur dann können sich die Besuchenden wirklich darauf einlassen und darauf reagieren.

Christian Brändle: Als Ausgangslage gewissermassen.

Annette Bhagwati: Genau. Gleichzeitig werden immer häufiger partizipative Angebote eingefordert. Unsere Erfahrung zeigt, dass Zugänglichkeit und Teilhabe wichtige Aspekte sind, die von vielen Besuchenden sehr geschätzt werden. Die Ausstellung «Flow. Erzählen im Manga» oder das Projekt «Wie die Kunst ins Wohnzimmer kam», das wir im Rahmen von «Wege der Kunst» realisieren konnten, sind dafür schöne Beispiele. Teilweise empfinden es Besuchende aber auch als durchaus mühsam, wenn sie ständig aktiv werden sollen. Manchmal möchte man als Besucher*in einfach vor einem Werk stehen und den Moment geniessen.

«Einige fragen sich vielleicht, warum sie überhaupt noch ins Museum gehen sollen, da alles inzwischen online verfügbar ist.»
– Christian Brändle

Rémi Jaccard: Die Erwartungen an Museen sind oft konträr, also progressiv und konservierend. Einerseits sollen sie die Vergangenheit bewahren und erforschen, andererseits sollen sie in die Zukunft schauen und ein leuchtendes Beispiel für mögliche Entwicklungen sein. Auch das partizipative und das kontemplative Erlebnis des Ausstellungs- und Sammlungsbesuchs werden gefordert. Dabei liegt die Kernkompetenz des Museums darin, ein Ort zu sein, an dem ein Objekt nicht überfrachtet wird mit einem riesigen Angebot, sondern sich die Betrachtenden auf das Wesentliche konzentrieren können.

Manuela Hitz: Deshalb ist es für uns wichtig, konventionelle Formen des Sammelns und Bewahrens neu zu denken. Mit unserem virtuellen Naegeli-Museum haben wir einen Ort geschaffen, der sowohl konservierend als auch progressiv ist – und vor allem partizipativ. Jede*r kann daran teilnehmen, bei der Kuratierung mitwirken und somit einen Beitrag zum Archiv leisten. Der Bereich der Vermittlung ist ähnlich konzipiert: Wir betrachten die Vermittlung als dritten Ausstellungsraum, der nach aussen hin wirkt. Auch die Vermittlung konserviert und ist zugleich zukunftsgerichtet, so überdauert sie jede Ausstellung.

Christian Brändle: Das Schlüsselmoment, wer spricht und wie lange, ist ein wichtiger Aspekt, der sich in fast allen Museen zeigt. Das ist erfreulich, aber auch anspruchsvoll. Museen als kulturelle Institutionen sind nach wie vor einigermassen erfolgreich, da sie diese Herausforderung meistern. Das ist jedoch nicht selbstverständlich. Einige fragen sich vielleicht, warum sie überhaupt noch ins Museum gehen sollen, da alles inzwischen online verfügbar ist.

Annette Bhagwati: Dies ist für mich eng verbunden mit der Haltung der Gastlichkeit. Die Türen sind offen, jeder ist willkommen. Die Mitarbeitenden des Museums sind ansprechbar und interessiert an einem Austausch. Niemand sollte sich unwohl fühlen, weil er vielleicht etwas nicht weiss. Ich erinnere mich noch gut an die Museumsbesuche in meiner Kindheit: daran, wie es war, als ich ein Kind war – der Raum war von Ehrfurcht geprägt. Man flüsterte und jedes gedruckte Wort schien unumstösslich. Aus diesem Gefühl entsteht wohl auch die Forderung nach mehr Partizipation und der Wunsch nach einem Museum, das neugierig auf den Besuchenden ist und sich selbst als lernenden Ort versteht.

«Wir versuchen, Kunstwerke nicht als etwas vom Menschen Getrenntes zu betrachten, sondern sehen sie als etwas, das eine Beziehung zu den Menschen dahinter hat.»
– Manuela Hitz

Rémi Jaccard: Ich erlebe, dass bei vielen Besucher*innen immer noch das Bedürfnis vorhanden ist, an einen ehrfurchtsvollen Ort zu kommen, der eine bestimmte Atmosphäre ausstrahlt. Manchmal kann diese Atmosphäre sogar einschüchternd wirken, wenn zum Beispiel nicht klar ist, ob man etwas berühren darf oder nicht. Dennoch ist es wichtig, dass sich die Besuchenden willkommen fühlen. Andererseits finde ich es faszinierend, dass es in Museen immer noch oft sehr ruhig ist.

Christian Brändle: Es ist eine Herausforderung, die verschiedenen Welten und Perspektiven der Museumsbesucher*innen zu berücksichtigen. Eine interessante Studie von John Falk unterscheidet fünf Typen von Museumsbesuchenden, darunter den Explorer, der einfach nur Neues entdecken möchte, und den Facilitator, der beispielsweise mit seinen Enkeln das Museum besucht und ihnen den Zugang dazu ermöglicht. Den Professional/Hobbyist, muss man nicht erklären, und die Experience Seekers. Diese sind nicht zu unterschätzen.

Rémi Jaccard: Eine lange Schlange vor dem Museum beispielsweise.

Christian Brändle: Ja, und vielleicht sind deshalb auch diese einfallslosen Lichthof-Formate so erfolgreich. Es ist im Grunde eine Powerpoint-Präsentation in grossem Massstab, als Aufenthaltsort, um sich zu entspannen. Lustigerweise haben diese Formate nichts mit Nachhaltigkeit oder Inklusion zu tun, boomen aber dennoch.

Annette Bhagwati: Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, dass ich etwas wirklich Bedeutungsvolles mit nach Hause nehmen und in Gedanken immer wieder hervorholen kann. Wenn ich vor einem Kunstwerk stehe, das mich tief bewegt, dann verstehe ich sehr gut, warum man in solchen Momenten von Andacht oder Ehrfurcht spricht. Es scheint mir wichtig, Kunstprojekte auch danach zu beurteilen, ob sie die Kraft haben, uns auf lange Sicht etwas mitzugeben – oder ob sie nur ein kurzlebiges Spektakel sind.

Manuela Hitz: Das versuchen wir auch. Wir haben zwei Ausstellungen pro Jahr. Daher widmen wir uns jeder Ausstellung sehr intensiv und bemühen uns, vertiefende Momente durch spezielle Veranstaltungen und Workshops für Schulen zu schaffen. Die Schüler*innen haben so die Möglichkeit, ein Semester lang in die Ausstellung einzutauchen, sie sich zu eigen machen, die Kunstschaffenden hinter den Werken kennenzulernen und sich selbst als Künstler*in oder Kurator*in auszuprobieren. 

«Für mich bedeutet Nachhaltigkeit auch, dass ich etwas wirklich Bedeutungsvolles mit nach Hause nehmen und in Gedanken immer wieder hervorholen kann.»
– Annette Bhagwati

Christian Brändle: Wir haben ein ähnliches Projekt namens «Museumsschule für Schule» – ein Outreach-Programm –, das im Quartier Community Building fördert. Auf der Josefwiese haben wir unter anderem mehrere Kubikmeter Ton aufgestellt und die Kinder haben sich in den Ton eingegraben und Schalen hergestellt. Am Ende wurden die Resultate des Workshops ausgestellt. Wir versuchen auch, langfristig mit derselben Gruppe zu arbeiten, um den Fortschritt über die Zeit zu sehen. Bei uns ist das Thema des sozialen Orts, das Lokale, gerade sehr zentral. Von klassischen Kernaufgaben geht es durch das Museumscafé mit den Möbeln, die man ausprobieren kann, und der Bar hin zu einem sozialen Ort.

Annette Bhagwati: Unser Museum hat einen herrlichen Park und ein Café. Damit sind wir nicht nur ein Ausstellungsort, sondern auch ein Ort der Begegnung und des Verweilens. Wir suchen darüber hinaus nach Wegen, um die Kunstwerke noch zugänglicher zu machen, ohne jedoch einen rein pädagogischen Ansatz zu verfolgen. Stattdessen stellen wir das Erlebnis und die Erfahrung in den Vordergrund. Indem wir kleinere, aber vielfältigere und sinnlich erfahrbare Formate entwickeln und neugierig auf das Wissen sind, das die Besuchenden mitbringen, hoffen wir, ein breiteres Publikum anzusprechen und auch jüngere Menschen für Kunst zu begeistern.

Rémi Jaccard: Da kann ich mich anschliessen. Auch wir sind da schon länger dran. Einerseits besuchen uns Schulklassen, meistens Gymnasialklassen, die meist wenig Wissen zum Thema mitbringen. Andererseits kommen zu uns auch Professionelle und Hobbyisten, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen und vor dem Ausstellungsbesuch darüber Bescheid wissen. Wir versuchen, Ausstellungen zu gestalten, die beide Gruppen zufriedenstellen oder noch besser, sie beide weiterbilden. Es ist eine Herausforderung, diese beiden Gruppen in Einklang zu bringen. Was die Programmierung betrifft, müssen wir auch eine Balance finden zwischen den kanonischen Inhalten und dem Aufbrechen des Kanons, um voranzukommen.

Manuela Hitz: Bei uns geht es darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen – die unsichtbaren Kunstschaffenden, die aus verschiedenen Gründen im Verborgenen arbeiten, sei es bewusst oder unbewusst, sei es aus persönlichen oder politischen Gründen. Wir konzentrieren uns darauf, Künstler*innen zu unterstützen, die nicht im etablierten Kunstkontext stehen, aber dennoch wertvolle Beiträge leisten. Wir versuchen, Kunstwerke nicht als etwas vom Menschen Getrenntes zu betrachten, sondern sehen sie als etwas, das eine Beziehung zu den Menschen dahinter hat. Wir arbeiten daran, das Out-of-the-Box-Denken bei Kindern und Jugendlichen zu stärken, um eine Zukunft zu gestalten, die der Digitalisierung gewachsen ist.


* Museumsdefinition ICOM (international council of museums) vom 24.08.2022 (Arbeitsversion Deutsch von ICOM Schweiz): «Ein Museum ist eine nicht gewinnorientierte, dauerhafte Einrichtung im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv fördern Museen Vielfalt und Nachhaltigkeit. Sie handeln und kommunizieren nach ethischen Grundsätzen, professionell und unter Beteiligung von Gemeinschaften [Communities]. Museen bieten vielfältige Erlebnisse zur Bildung, zum Vergnügen, zur Reflexion und zum Wissensaustausch.»

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