Erstellung der Nachzeichnung, 1996, Schauplatz Brunngasse
Nachzeichnung, Schauplatz Brunngasse
Esau als Jäger, Ausschnitt aus der Weltchronik des Rudolf von Ems
Duschwand mit aufgeklebtem Bild des jagenden Esaus, Schauplatz Brunngasse

Im Haus Brunnenhof, mitten in der Zürcher Altstadt, wohnte um 1330 eine jüdische Familie: Frau Minne mit ihren zwei Söhnen Moishe und Mordechai ben Menachem. Das kleine Museum «Schauplatz Brunngasse» ermöglicht es dem Publikum, die Wohnstätte mit ihren prächtigen Malereien und ihre jüdischen Bewohner*innen kennenzulernen. Dr. Ron Epstein-Mil, Präsident, gewährt uns einen historischen Einblick die Innenräume des Hauses.

Die Wandmalereien in der Zürcher Wohnung gelten als Sensation und lassen nicht nur die Herzen von Historiker*innen höherschlagen. Zeugnisse von jüdischem Leben aus dem Mittelalter in einem profanen Gebäude sind äusserst selten. Wie wurden die Wandmalereien in der Zürcher Wohnung entdeckt und welchen Einblick bieten sie in das jüdische Leben während des Mittelalters?
Der Schauplatz Brunngasse befindet sich im ersten Obergeschoss des Altstadthauses Brunngasse 8 im Zürcher Niederdorf. Bei der Sanierung dieser Liegenschaft, welche der Stadt Zürich gehört, wurden 1996 bedeutende Malereien entdeckt. Sie stehen in der Tradition des Zürcher Codex Manesse, der berühmten Sammlung von Minnedichtung, die um 1300 in Zürich entstand. Das Buch wird als eines der bedeutendsten Bücher des deutschen Mittelalters betrachtet. Heute wird das Werk in der Universitätsbibliothek in Heidelberg verwahrt und kaum mehr für externe Ausstellungen ausgeliehen, da allein die Kosten für dessen Transportversicherung kaum mehr zu tragen sind. Auf 426 Seiten werden Texte von 140 Dichtern festgehalten, welchen jeweils eine ganzseitige bunt gemaltes Bild vorangestellt wird. Findige Kunsthistoriker behaupten, dass die Malereien an der Brunngasse aus der gleichen Feder der im Codex gewirkten Malern stammen.
Bei an der Brunngasse entdeckten Malereien verweisen kleine vorhandene hebräische, fast nicht sichtbare Schriftzeichen unter einem Band von Wappen auf die Auftraggeber der Wandfresken hin, einer wohlhabenden jüdischen Familie, die im Geldgeschäft tätig war. Das Verleihen von Krediten wurde den zugewanderten Juden vom Rat jeweils zur Vorschrift gemacht, um damit die Zürcher Wirtschaft anzukurbeln.
Bei der Sanierung der Liegenschaft wurde durch die damals tätigen Zürcher Archäologen alles entdeckte akribisch registriert und dokumentiert, sei es mit fotografischen Mitteln oder Nachzeichnungen. Ein Wandfresko im Treppenhaus wurde belassen und mit einer Glasscheibe vor allfälligen Beschädigungen geschützt. Die Mieterin der kleinen Wohnung im ersten Obergeschoss jedoch verliebte sich in die bestehenden Malereien ihrer zukünftigen Wohnung. Sie spendete kurzerhand eine erhebliche Summe Geld aus eigenen Mitteln, damit mit einigen konservatorischen Massnahmen die Fresken in ihrer Wohnung sichtbar bleiben konnten. Doch mit der Sanierung und dem Einbau der für die Vermietung notwendigen Dusche entschloss sich die Vermieterin, ein drittes Fresko, das sich am Ort der geplanten Dusche befand, zu überdecken.

Im Laufe der Jahrhunderte verblasste die Geschichte rund um die Brunngasse 8, und mit ihr verschwanden die Wandmalereien der Menachems buchstäblich hinter Mauern. Aktuell werden gerade wieder Malereien hervorgeholt. Welche weiteren Entwicklungen gibt es beim Schauplatz?
Eine geflieste Wand mit klinisch weissen Plättli überdeckt nun das einst gefundene kostbare mittelalterliche Kunstwerk. Die Absicht, die Wohnung zu einem kleinen Museum umzufunktionieren, entstand erst, nachdem die Mieterin beinahe zwanzig Jahre später im Alter von fast hundert Jahren ausgezogen war. Unser eilig gegründeter Trägerverein übernahm 2020 den Mietvertrag, um hier unser kleines Museum aufzubauen. Dabei handelt es sich nicht um ein Museum im eigentlichen Sinn, hier werden keine Artefakte hinter Glas ausgestellt, quasi als Stellvertreter für die Geschichte der ehemaligen jüdischen Bewohner dieses Hauses, in dessen unmittelbarer Nähe an der Froschaugasse sich einst die mittelalterliche Synagoge Zürichs befand. Vielmehr stellen die Räume im ersten Obergeschoss eine Art Tatort oder eben Schauplatz dar, wohnte doch hier nachweislich die erwähnte jüdische Familie, über deren Leben im Spannungsfeld mit ihrer christlichen Umgebung es einiges zu erzählen gibt.
Der Verweis auf das Bild hinter der Dusche ist nun zu einer Art Running Gag geworden. Gerne verweisen wir bei Führungen auf unseren Esau in der Dusche: Der unbekannte Schöpfer dieses Bildnisses der dort entdeckten Malerei hatte sich als Vorbild einen Ausschnitt aus der vermutlich ebenfalls in Zürich entstandenen Weltchronik des Rudolf von Ems genommen. Das Fresko zeigt den in der Bibel als Jäger geschilderten Esau mit wallendem rotem Haar. Als Museumsbetreiber kennen wir dieses Fresko lediglich aus den oben erwähnten Fotografien und Nachzeichnungen.
Dass sich hier im Gegensatz zu den anderen Malereien plötzlich ein biblisches Bildthema zeigt, ist von erheblicher Bedeutung. Esau wurde im mittelalterlichen Judentum als Symbol des Christentums verstanden, das immer wieder zum Antreiber tödlicher Verfolgungen gegen die Juden wurde.
Natürlich versuchen wir als Verein nun, mittelfristig dieses Fresko freizulegen. Allein die Mittel für eine solche Freilegung, die in ihrer Höhe nicht unterschätzt werden dürfen, übersteigen momentan noch unser bescheidenes Budget.
Untersuchungen an einer anderen Wandstelle in dem einst herrschaftlichen Saal von beinahe 80 m²  haben ebenfalls Hinweise auf weitere Malereien erbracht. Deren Freilegung ist jedoch ein äusserst heikles und kostspieliges Unterfangen, da nicht sicher ist, ob durch den Abtrag von den mehreren Putz- und Farbschichten der letzten 700 Jahre die Bilder noch zu retten sind.
Es bleibt zu hoffen, dass sich bald ein edler Spender findet, um die verborgenen Malereien der Nachwelt zurückzugeben. Möglich ist auch, dass sich in kommenden Generationen neue Techniken entwickeln werden, verborgene Malereien sichtbar zu machen.

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